Doppelt arbeiten, um zu überleben: Wie die Mittelschicht um ihr Einkommen kämpft
Karl-Peter MöchlichenDoppelt arbeiten, um zu überleben: Wie die Mittelschicht um ihr Einkommen kämpft
Zwei Jobs gleichzeitig – für viele in der deutschen Mittelschicht längst Alltag
Für eine Autorin war es die einzige Lösung: Zwei Teilzeitstellen in der Redaktionsarbeit – plus gelegentliche freiberufliche Aufträge – reichen gerade so, um die Lebenshaltungskosten zu stemmen. Ihr Schicksal steht exemplarisch für einen wachsenden Trend, denn steigende Mieten und stagnierende Löhne zwingen immer mehr Menschen dazu, mehrere Jobs anzunehmen, um über die Runden zu kommen.
Seit einem Jahr jongliert die Autorin mit zwei befristeten Verträgen in der Medienbranche. Selbst mit zusätzlichen Freelance-Projekten reichte ein einzelner Teilzeitjob kaum, um die Miete zu bezahlen. In Städten wie Berlin, wo die Mieten innerhalb eines Jahrzehnts um 69 Prozent gestiegen sind, deckt selbst eine Vollzeitstelle oft nicht die grundlegenden Ausgaben.
Die Belastung ist spürbar: 50- bis 60-Stunden-Wochen lassen wenig Raum für Erholung, Schlafmangel ist zur Gewohnheit geworden. Das Sozialleben beschränkt sich auf schnelle Sprachnachrichten und hastige Treffen – ein Kompromiss, den viele in ähnlichen Situationen eingehen müssen. Und doch, trotz der Erschöpfung, gibt die Autorin zu, beide Jobs zu mögen – auch wenn nicht Leidenschaft, sondern schiere Notwendigkeit sie zu dieser Doppelschicht treibt.
Ihr Kampf ist kein Einzelschicksal. Eine Umfrage des Portals Academized aus dem Jahr 2025 zeigt: Jede zweite Person zwischen 26 und 41 Jahren übt mittlerweile mindestens einen Nebenjob aus. Auch die Zahl der Teilzeitstellen ist seit 2020 um fast 69 Prozent gestiegen, mit der höchsten Nachfrage in Großstädten. Viele Vollzeitjobs zahlen so schlecht, dass Arbeitnehmer kaum für den Ruhestand sparen können – geschweige denn für unerwartete Ausgaben. Die wirtschaftliche Unsicherheit verschärft den Druck, denn kurzfristige Verträge und Entlassungen lassen kaum jemanden in Sicherheit wiegen.
Mehrfachbeschäftigung ist längst kein Phänomen der Geringverdiener mehr – sie greift auf die Mittelschicht über. Während sich die Mieten in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben und die Löhne nicht mithalten, flicken sich immer mehr Menschen ihr Einkommen mit mehreren Jobs zusammen, um nicht unterzugehen. Vorerst bleibt der Autorin und vielen anderen nichts anderes übrig, als die Arbeitsbelastung zu stemmen – auch wenn die langfristigen Folgen immer spürbarer werden.






