Kratzers radikale Paradies-Inszenierung spaltet und begeistert die Hamburger Staatsoper
Wibke WeitzelKratzers radikale Paradies-Inszenierung spaltet und begeistert die Hamburger Staatsoper
Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri
Unter der Regie von Tobias Kratzer verbindet die aktuelle Produktion das oratorische Werk des 19. Jahrhunderts mit drängenden zeitgenössischen Themen – von rassistischer Ungerechtigkeit bis zur Klimakrise. Die um den 27. September 2025 gefeierte Premiere löste sowohl begeisterten Applaus als auch vereinzelte Buhrufe aus, endete jedoch in stehenden Ovationen für Kratzers radikale Vision.
Kratzers Inszenierung sprengt konsequent die vierte Wand: Schauspielerinnen mischen sich unter das Publikum, filmen Zuschauerinnen und ziehen sie direkt ins Bühnengeschehen hinein. In einer Schlüsselszene klettert die Sopranistin Vera-Lotte Boecker, in der Rolle der Peri, über die Sitzreihen, um sich neben einen weinenden Mann im Publikum zu setzen. Der auf der Bühne dargestellte Krieg wird nicht von mythischen Gestalten, sondern von gewöhnlichen Menschen geführt – angeführt von einer weißen Führungspersönlichkeit –, während der sterbende Held, traditionell ein junger Mann, hier als schwarzer Mann erscheint, der sich gegen Autoritäten auflehnt.
Auch die Klimakrise rückt im dritten Akt in den Fokus: Schumanns Musik untermalt den ökologischen Kollaps. Omer Meir Wellber, der neue Generalmusikdirektor der Oper, dirigierte das Philharmonische Staatsorchester mit einer Dynamik, die der Intensität der Inszenierung in nichts nachstand. Kratzer, seit Kurzem Intendant des Hauses, hat deutlich gemacht, dass er die Staatsoper enger mit der Hamburger Stadtgesellschaft vernetzen möchte.
Die Premiere eröffnet eine Spielzeit mit frischem, eigenkuratiertem Musiktheater – darunter Monster's Paradise und eine neu interpretierte Fassung von Frauenliebe und -leben.
Die gespaltene, letztlich aber triumphale Reaktion des Publikums zeigt: Kratzers provokanter Ansatz trifft auf große Resonanz. Indem die Produktion Schumanns Partitur mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten verknüpft, etabliert sich die Hamburger Staatsoper als Ort künstlerischer Wagnisse. Die kommenden Vorstellungen werden zeigen, ob diese Vision über die Premierenstimmung hinaus wirkt.






