Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR das Erbe tilgte
Karl-Peter MöchlichenHalberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR das Erbe tilgte
Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die vergessene jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR-Zeit.„Verweigerte Erinnerung“ deckt auf, wie die antifaschistische Politik des Staates versagte, das jüdische Erbe zu bewahren. Die Forschung zeigt zudem, wie das jüdische Gedächtnis der Stadt schrittweise getilgt wurde – von den Novemberpogromen 1938 bis in die Nachkriegsjahre.
Die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Halberstadts begann lange vor den Luftangriffen von 1945. 1938 wurde die Synagoge während der Pogromnacht niedergerissen – der Beginn systematischer Verfolgung. Bis 1942 fand in der Rathaustraße 1–3 das letzte Treffen der Halberstädter Juden statt, bevor sie deportiert wurden.
1949 entstand am ehemaligen KZ Langenstein-Zwieberge eine Gedenkstätte für die Opfer der Zwangsarbeit. Doch nur ein Jahrzehnt später wurden die unterirdischen Stollen darunter als militärisches Lager der Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet. 1969 wurde der Ort zu einer Stätte für politische Treuegelöbnis umgestaltet – direkt über den Gräbern der Häftlinge.
Trotz vereinzelter jüdischer Kulturspuren ignorierte die DDR dieses Erbe weitgehend. Romane wie „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ von Peter Edel oder „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker boten seltene Einblicke in jüdisches Leben. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati zog 1952 nach Ost-Berlin und nahm drei Schallplatten auf, doch nach dem Sechstagekrieg 1967 wurde ihr Werk zensiert.
1961 war Willy Calm der letzte Überlebende und offizielle Vertreter der Halberstädter jüdischen Gemeinde. Grafs Recherchen belegen: Trotz einzelner kultureller Beiträge vermochte es die DDR nicht, ein lebendiges jüdisches Erbe zu bewahren.
Grafs Buch legt die Widersprüche der antifaschistischen Selbstdarstellung der DDR offen. Trotz Gedenkstätten und kultureller Zeugnisse hinterließ die Staatspolitik kaum Spuren jüdischer Geschichte in Halberstadt. Die Umnutzung von Orten und das Schweigen über diese Vergangenheit trugen dazu bei, sie weiter zu verdrängen.






