1926 eskaliert der Flaggenstreit der Weimarer Republik unter Hindenburg
Karl-Peter Möchlichen1926 eskaliert der Flaggenstreit der Weimarer Republik unter Hindenburg
Deutschlands Flaggenstreit erreichte im Mai 1926 einen Wendepunkt, als Reichspräsident Paul von Hindenburg eine neue Verordnung erließ. Der Schritt sollte einen langwierigen Konflikt über die nationalen Symbole beilegen, der das Land seit der Gründung der Weimarer Republik spaltete. Die Debatte stand zwischen Befürwortern der kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot und denen der republikanischen Farben Schwarz-Rot-Gold.
Die Wurzeln des Streits reichen bis zur Weimarer Verfassung zurück, die Schwarz-Rot-Gold als offizielle Flagge festgeschrieben hatte. Doch Konservative und Nationalisten drängten weiterhin auf die Rückkehr zu den alten kaiserlichen Farben. Bis Mitte der 1920er Jahre hatte sich die Spaltung in zwei verfeindete Lager verfestigt: den „Schwarz-Rot-Gold-Volksblock“ und den „Schwarz-Weiß-Rot-Reichsblock“. Die Spannungen erreichten während der Präsidentschaftswahl 1925 einen Höhepunkt, als die Flagge zum Symbol tieferer politischer Gräben wurde.
1926 versuchte Hindenburg, die Krise zu entschärfen. Zunächst veröffentlichte er einen offenen Brief, in dem er zu einem verfassungspolitischen Kompromiss aufrief. Dann erließ er am 5. Mai die Zweite Flaggenverordnung. Dieses Dekret verpflichtete deutsche Botschaften und Konsulate außerhalb Europas, sowohl die Nationalflagge (Schwarz-Rot-Gold) als auch die Handelsflagge (Schwarz-Weiß-Rot mit den Reichsfarben im Eck) zu hissen.
Die Verordnung war ein kalkulierter Schachzug. Hindenburgs Regierung wusste, dass sie die Linke und die Mitte verärgern würde – und diese damit noch entschiedener hinter Schwarz-Rot-Gold vereinen. Bereits zuvor hatte die Nationalversammlung einen ähnlichen Kompromiss versucht, der beide Flaggen in unterschiedlichen Kontexten zuließ. Doch selbst dieser scheiterte an der Einigung. Der Reichskunstwart Edwin Redslob wurde später mit dem Entwurf einer einheitlichen „Reichsflagge“ beauftragt, doch seine Vorschläge fanden nie breite Akzeptanz.
Der Streit zog sich bis 1933 hin und spiegelte die größeren Probleme der Weimarer Republik wider. Trotz wiederholter Versöhnungsversuche blieb die Flagge ein Zankapfel des politischen Konflikts. Die Verordnung von 1926 konnte die zugrundeliegenden Spannungen nicht lösen – im Gegenteil: Sie vertiefte die Gräben, die Deutschland seit dem Sturz der Monarchie prägten. Ähnliche Debatten über nationale Symbole gab es auch in anderen Ländern wie Frankreich, Kanada oder dem Vereinigten Königreich. Doch in der Weimarer Republik wurde der Flaggenstreit zum bleibenden Symbol einer zerrissenen Gesellschaft, die keinen gemeinsamen Nenner fand.






